Fahrradland Deutschland:
Läuft’s hier rund?

Deutschlands Top Fahrradstadt

Klar ist, dass wir immer mehr Menschen auf der Erde werden – und immer mehr zieht es in die Stadt. Mit Staus an der Tagesordnung wird ein Umdenken bezüglich der genutzten Verkehrsmittel unumgänglich.

Deshalb schauen wir uns heute deutsche Städte mit einer pulsierenden Fahrradbewegung an, die einen deutlichen Impuls in Richtung Zukunftsmobilität setzen. Fahrradstadt-Rankingergebnisse haben wir natürlich betrachtet, doch unsere Top 5-Stadtauswahl beruht im Kern auf der Frage: Wo verändert sich was?

Allgemein gilt, dass in einer „Fahrradstadt” der Radverkehrsanteil mindestens 25% an den insgesamt zurückgelegten Wegen ausmachen muss[1]. Da der Begriff „Fahrradstadt“ aber recht inflationär gebraucht wird, ist es letztlich spannender zu beobachten, welcher Modal-Split[2] in einer Stadt anvisiert wird und vor allem, ob die gesteckten Ziele überhaupt erreicht werden.

Heute möchten wir euch fünf spannende, progressive Städte in Deutschland vorstellen.

Berlin

– unsere Hauptstadt schafft es als best-gerankte deutsche Stadt auf den 12. Platz des Copenhagenize Fahrradindex 2015. Dieser bildet alle zwei Jahre die 20 fahrradfreundlichsten Großstädte[3] der Welt ab. Doch die Entwicklung in Berlin ist nicht gerade positiv. War die Stadt 2011 auf dem fünften Platz, rutschte sie zunächst auf den 10. Platz (2013) ab

und fiel schließlich um zwei weitere (2015) – und das, obwohl 2013 der Berliner Senat die Berliner Radverkehrsstrategie verabschiedete. Diese ist zwar vielversprechend, doch dem Senatsbeschluss folgen zu wenige Taten. 2015 bleiben sogar rund zwei Millionen Euro des eingeplanten Fahrrad-Etats ungenutzt. Die Berliner haben deshalb Ende 2015 einen mutigen Gesetzentwurf zur Förderung des Radverkehrs in Berlin verfasst. Ziel ist es, in Gesamtberlin einen Radverkehrsanteil von 20% bis 2025 zu erreichen – aktuell liegt dieser noch bei etwa 13%.

Ist diese Initiative erfolgreich, wäre es Deutschlands erstes Radverkehrsgesetz. Noch bis zum 10. Juni 2016 werden 20 000 gültige Unterschriften gesammelt, um zunächst ein Volksbegehren einzuleiten (Schritt 1). Kommt es hierzu, müssen dem Senat innerhalb von vier Monaten ca. 175 000 gültige Unterschriften vorgelegt werden (Schritt 2). Wird daraufhin die eingereichte Gesetzesvorlage nicht übernommen, kommt es zum Volksentscheid, für den das Abgeordnetenhaus einen konkurrierenden Gesetzentwurf vorlegen kann (Schritt 3).

Fahrradstadt Berlin Vision Radbahn
Foto (c) Reindeer Renderings

Zusammen mit Berlin kann sich 2015 eine zweite deutsche Stadt im bekannten Copenhagenize Index halten:

Hamburg

…auf Platz 19 – wie 2013 auf den letzten Plätzen, doch ein bedeutender Abfall im Vergleich zu Platz 11 in 2011. Wo hakt es für das Rad in der Hansestadt? Die Auswertung von über 2 000 Interviews des ADFC zeigt auf, dass v.a. die Bereiche Infrastruktur und Sicherheit mangelhaft bis ungenügend abschneiden. Und auch Aspekte, wie die Wegreinigung bzw. der Winterdienst oder Kontrollen der Falschparker auf Radwegen kommen zu kurz. Verzichten Hamburger folglich auf die Radnutzung? Ganz im Gegenteil wie die wenigen Pluspunkte der Interviews zeigen: Das Fahrradverleihsystem StadtRAD Hamburg und die hohe Teilnahme am Radverkehr schneiden gut ab – rund 12% beträgt der Fahrradanteil des Modal-Split. Somit vermutet Copenhagenize nicht ganz willkürlich, ob man sich hier schlicht mit dem Status Quo der aktuellen Lage zufrieden gegeben hat? Hamburg wird das schwarze Schaf in der Rankingfamilie genannt.

Doch nun wird es interessant, denn der aktuelle Senat möchte Hamburg gezielt mit dem Titel „Fahrradstadt“ schmücken und nennt konkrete Investitionszahlen. Insgesamt sollen 30 Millionen Euro in den Radverkehr fließen, bis 2020 14 Velorouten entstehen (insgesamt 280km), jährlich 50km Radweg saniert oder gebaut werden (in 2015 waren es nur 24km), 20 weitere StadtRad-Stationen errichtet werden (zusätzlich zu den 50 in 2015), und in mehr Radparkplätze sowie Fahrradkoordinatoren in den Bezirken investiert werden. Die Vision bis 2020: den Radverkehr auf 25% erhöhen. Eins steht fest, nur mit einer konsequenten Umsetzung der Maßnahmen kann sich Hamburg in Zukunft im weltweiten Vergleich messen – mit Maßnahmen für das Fahrrad und gegen das Auto.

Fahrradstadt Hamburg StadtRAD
Foto (c) rvdh via VisualHunt

In der beliebten Uni-Stadt…

Münster 

…wimmelt es nur so vor Fahrrädern. Unter Freunden ist man sich schnell einig: Jo, Münster ist definitiv eine Fahrradstadt. Der hohe Radverkehrsanteil mit 38% bestätigt dies. Er übersteigt sogar den Motorisierten Individualverkehr[4]. Die selbsternannte Fahrradhauptstadt landete im letzten ADFC[5]-Fahrradklima-Test – Teil des Nationalen Radverkehrsplans und weltweit die größte Befragung zum Radfahrklima – mit Abstand auf Platz 1. Im Vergleich, Berlin und Hamburg schafften es unter den Städten >200 000 Einwohner nur noch auf Platz 30 und 35.

Nun könnte man meinen Münster schneidet nur so gut ab, weil es eine Studentenstadt ist und diese ja bekanntlich einen hohen Radverkehrsanteil haben. Zukunft Mobilität räumt in einer Studie in 2013 mit diesem Klischee (Studentenstadt = Fahrradstadt) auf und stellt fest: Ja, diese Art von Stadt hat es leichter. Doch: „Auch Städte ohne Hochschule können Radverkehrsanteile von 15 – 30 Prozent aufweisen.“

In Münster wird letztlich einiges für die Leeze, wie die MünsteranerInnen ihr Fahrrad nennen, getan: Neben der größten Radstation Deutschlands, über eine virtuelle Radtour durch die Innenstadt und das Stakeholder involvierende Projekt „Radverkehr Münster 2025“, das den Radverkehr auf 50% anheben soll. Daher gilt: Korrelation darf hier nicht mit Kausalität verwechselt werden.

Fahrradstadt Münster: Fahrräder am Bahnhof

Dies trifft auch auf die Größe der Stadt und den Fahrradverkehrsanteil zu, denn sowohl kleine als auch große Städte können mit hohen Radverkehrsanteilen punkten[6]. Eine um einiges kleinere Stadt als die bisher genannten ist

Bocholt.

In der Kategorie „50 000 – 100 000 Einwohner“ schafft sie es im ADFC-Fahrradklima-Test auf Platz 1. Und dies sogar mit einer noch besseren Gesamtbewertung als Münster. Am besten schneidet Bocholt bei dem Kriterium „Erreichbarkeit Stadtzentrum“ (wenig überraschend), aber eben auch den Kriterien „zügiges Radfahren“ und „Alle fahren Rad“ ab. Unterstützend wirken hier sicherlich die Radverkehrsnetz-Infrastruktur und die Akzeptanz als Verkehrsteilnehmer, die ebenfalls mit Bestnote bewertet wurden.

Auf diesen Rückmeldungen ruht sich Bocholt allerdings nicht aus und bemüht sich darum die eigene Fahrradtradition weiterzuleben. Im Rahmen der Regionale 2016 beteiligt sich die Stadt bspw. an der Projektidee „Regio.Velo.01“ – ein Radschnellweg, der eine Direktverbindung zwischen sieben NRW-Städten schaffen und mit Streckenabschnitten von 5 bis 20 km durchaus einen Grund bieten würde, das Auto öfter mal stehen zu lassen.

RegioVelo 2016 Vision für NRW
Foto (c) RegioVelo P3 – Agentur für Kommunikation und Marketing

Stuttgart

– Die Landeshauptstadt von Baden-Württemberg ist mit den Automarken Mercedes-Benz und Porsche eine der Hochburgen der deutschen Automobilindustrie. Aber gerade deshalb sollte sie in dieser kurzen Städteauflistung, die den Radverkehr thematisiert, nicht fehlen. Die Luftqualität in Stuttgart ist kritisch: Bei den Feinstaub-Messungen liegt die Stadt regelmäßig über den Grenzwerten; die Cannstatter Straße hält sogar den Rekord der dreckigsten Straße Deutschlands, seitdem die bundesweiten Messungen in 2005 begannen.

Die politische Antwort: Das baden-württembergische Ministerium für Verkehr und Infrastruktur entwickelt mit einer Vielzahl an Partnern innerhalb der letzten zwei Jahre die RadSTRATEGIE mit dem zentralen Baustein des RadNETZ. Im Rahmen dieser Radverkehrsstrategie soll der Anteil des Radverkehrs bis 2020 auf 16% verdoppelt werden und bis 2030 auf 20% steigen. Dies sind ambitionierte, doch notwendige Ziele, die auch mit dem Aufbau einer bisher fehlenden Radkultur verknüpft sind.

Aber Stuttgart fängt nicht bei Null an. Es gibt eine Fahrradszene, die sich z.B. zu Critical Mass Fahrten trifft. Das crowdgesourcte Filmprojekt „Kesselrollen” möchte genau diese Menschen porträtieren sowie weitere spannende Stuttgarter Fahrradprojekte vorstellen: Das Pitch-Video sieht auf jeden Fall schon mal vielversprechend aus.

Stuttgart Fahrradtage
Foto (c) Landeshauptstadt Stuttgart via VisualHunt

Als Fazit halten wir fest: In jeder dieser fünf Städte kann man Impulse in die richtige Richtung erkennen. Wichtige Schritte, die für ein Umdenken zu mehr urbaner Fahrradfreundlichkeit entscheidend sind. Die Frage ist, wie weit lässt sich der Radverkehranteil insgesamt steigern? Ein Blick nach Kopenhagen verdeutlicht, das noch viel Luft nach oben ist. Hier werden Maßstäbe gesetzt: Ein Radverkehrsanteil von 45% (vs. 9% Autoverkehr), Radspuren standardmäßig 3,20m breit und von Fahrbahn und Gehweg baulich abgetrennt (beidseitig!), bei Schnee werden zuerst die Radwege geräumt, ein Cargo-Bike in jeder vierten Familie, die Umwandlung von Autostellplätzen im Zentrum in Fahrradständer. Wenn ihr hier klickt, bekommt ihr einen genaueren Einblick in die Bike-Stadt Kopenhagen.

Was sind eure Erfahrungen? Welche Städte haben euch mit innovativen Fahrradkonzepten überrascht? Nach diesem „zoom in“ auf Deutschland, werfen wir im nächsten Blogpost einen Blick auf die fünf Städte, die in der letzten Ausgabe des bekanntesten Fahrradindex – dem Copenhagenize Index – neu mit dabei sind: Minneapolis, Wien, Buenos Aires, Ljubljana und Straßburg.

 

Wenn ihr mögt, lesen wir uns dann wieder.
Eure Anouk

 

[1] vgl. M. Randelhoff, Herausgeber von Zukunft Mobilität

[2] Anteil einzelner Verkehrsmittel am Gesamtverkehr

[3] Großstadt: > 600 000 Einwohner; ggf. Ausnahme für relevante Hauptstädte

[4] Motorisierter Individualverkehr (MIV) = 36%

[5] ADFC = Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club

[6] vgl. M. Randelhoff, Herausgeber von Zukunft Mobilität

Ein Gedanke zu „Fahrradland Deutschland:
Läuft’s hier rund?

  1. Sehr leserlich geschrieben und ein interessantes Thema habt ihr da gewählt!
    In Hannover ist das Thema Fahhrad auch gerade aktuell. Es wurden 3 Fahrradzähler in der Stadt aufgebaut, die das Fahrradtreiben an verschiedenen Zeites des Tages auswerten. Ziel der Stadt ist es bis 2020 auf die magischen 25% zu kommen, um auch endlich als „Fahrradstadt“ zu gelten :D!
    Die letzte Maßnahme wurde erst Anfang Mai erstellt. Und seit dem führt ein City-Radring rund um die Fußgängerzone. Bislang nur optisch und mit Schildern verziert, sollen auch bald die ersten Umbaumaßnahmen für den Ring erfolgen. Ich bin gespannt!

    Genauso wie auf den nächsten Artikel und vor allem auf das Radtreiben in Buenos Aires!

    Grüße aus Hannover :-)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *